Lübeck nutzt Bewertungsmatrix
Mikrotunneling im Torf

Autor: Jürgen Schneider, Steinzeug-Keramo GmbH

Die Entsorgungsbetriebe Lübeck, ein Eigenbetrieb der Hansestadt Lübeck, betreiben ein rund 1.000 km langes Kanalnetz, das mit 391 km Schmutzwasser- und 382 km Regenwasserleitung überwiegend als Trennsystem angelegt ist. Über eine Strecke von 135 km wird das Abwasser in einem Mischwasserkanal abgeführt, weitere 78 km über eine Druckrohrleitung. 630 m der schadhaften Schmutzwasserleitung am Geniner Ufer des Trave-Kanals wurden kürzlich im Mikrotunnelverfahren erneuert.

Eine heikle Mischung

Die geologischen Randbedingungen und damit die Baugrundverhältnisse stellen sich in Lübeck etwas verzwickt dar, d. h.: Aufgefüllte Böden, mächtige inhomogene Torf- und Moorschichten, Feinsande, Schluff- und Tonlagen wechseln sich ab, mehrere Grundwasserhorizonte sind möglich. Die Entscheidung für das richtige Bauverfahren bedarf also der genauen Kenntnis des Untergrundes in Kombination mit der Bewertung der verschiedenen Verfahren sowie der vorhandenen Verkehrslage.

Eine sorgfältige Prüfung

Sondierungsbohrungen am Geniner Ufer ergaben folgendes Bild: Unter 3 m aufgefülltem Boden mit einem oberen Grundwasserleiter folgten 7 m inhomogene (gering bis stark zersetzter Bruchwaldtorf) Torflagen mit eingeschlossenen Feinsandeinlagerungen. Darunter lagern Sande, in denen sich ein zweiter, unter Druck stehender Grundwasserleiter, ein sogenannter Arteser, befindet.  

Die Entsorgungsbetriebe Lübeck entschieden sich nach einer aufwendigen und dezidierten Planung, nach Bewertung der geologischen Randbedingungen sowie nach der Bewertung verschiedener Bau- und Vortriebsverfahren zur Erneuerung der 630 m langen Schmutzwasserleitung für den Einbau von Steinzeugrohren im Mikrotunnelverfahren.

Eine „saubere“ Ausführung

Nach der öffentlichen Ausschreibung der Baumaßnahme startete im November 2013 die ARGE Geniner Ufer, das waren die Baugesellschaft Bergemann-Gräper mbH & Co. KG, Lübeck, die Bauunternehmen Echterhoff GmbH & Co KG, Hamburg, und die interra Microtunnelbau GmbH, Crimmitschau, mit den Einbauarbeiten.Von der Startbaugrube mit einem Durchmesser von 3.200 mm wurden in einer Tiefe von etwa 6,50 m – also mitten im Torf – Steinzeug-Vortriebsrohre DN 400 mit einer AVM 400 der Herrenknecht AG vorgetrieben. Dazu musste im Vorfeld direkt neben der Baugrube ein Tiefbrunnen zur Druckentlastung des zweiten Grundwasserleiters (Arteser), unmittelbar unter dem Torf befindlich, errichtet werden.Die jeweils erzielten Haltungslängen betrugen 50 m bis 85 m. Sowohl die Startbaugrube DN 3.200 als auch die Zielbaugrube DN 2.600 wurden nach Beendigung der Vortriebsarbeiten zu Einstiegsschächten umgebaut.

Eine „normale“ Finanzierung

Auch mitten im sehr agressiven Torf-Milieu werden die Steinzeug-rohre ihre Arbeit tun: zuverlässig, sicher, nachhaltig. Die Entsorgungsbetriebe Lübeck haben eine Abschreibungszeit von 70 Jahren angesetzt und können die Kosten der Kanalerneuerung getrost aus den „ganz normalen“ Abwassergebühren finanzieren.

 
 

Auftraggeber und Planung: Entsorgungsbetriebe Lübeck, Lübeck | Bauausführung: ARGE Geniner Ufer: Baugesellschaft Bergemann-Gräper mbH & Co. KG, Lübeck; Bauunternehmen Echterhoff GmbH & Co KG, Hamburg; interra Microtunnelbau GmbH, Crimmitschau

 

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